Warum bei den Versicherern Ernüchterung eingekehrt ist

Auch in Deutschland ist die Gefahr von Internetangriffen deutlich gestiegen. Tatsächlich dürfte der Versicherungsschutz gegen solche Angriffe entsprechend attraktiver geworden sein. Doch die Versicherungsbranche, die noch vor wenigen Jahren Cyber-Policen als große Hoffnung auf ein profitables Geschäft identifizierte, blickt nun ernüchtert auf das Segment.

Denn nicht nur viele Unternehmen stehen dem Online-Diebstahl hilflos gegenüber – auch viele Versicherungen haben sich im Geschäft verkalkuliert. Der Hauptgrund dafür ist eine Fülle von Schäden, die Versicherer selten erleben.

Fast 80 Prozent der Kunden, die eine Cyberversicherung abgeschlossen haben, haben bereits Schadensersatzansprüche geltend gemacht. Mehr als die Hälfte davon mehrmals. Das ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Forschungsinstituts Censuswide unter 300 IT-Experten im Auftrag des Sicherheitsdienstleisters Delinea.

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Das sorgt für Frust bei den Versicherern – und für Unverständnis bei den Kunden über die deutliche Prämienerhöhung. Die Politik sei mittlerweile weitgehend unattraktiv geworden, monierte vor wenigen Tagen eine kleine Gruppe von Finanzvorständen des DAX 40, die namentlich nicht genannt werden wollten.

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umstrittene Verhandlungen

Die massive Zunahme von Cyberangriffen auf Unternehmen führt zu immer komplexeren Verhandlungen in Sachen Risikoabwehr. Jetzt geht es um deutlich höhere Prämien bei weniger Schutz, erhöhten Selbstbehalten und immer mehr Ausnahmen bei Verträgen.

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Versicherer und ihre Firmenkunden gehen zunehmend kritisch miteinander um. Interne Beobachter sprechen inzwischen sogar von großen Konflikten. Immerhin wird teilweise über eine Verdreifachung der bisherigen Prämien verhandelt, wie Makler berichten.

Die Branche steht unter Druck. Denn Versicherungsunternehmen verdienen mit dem vergleichsweise neuen Geschäft derzeit – anders als erhofft – branchenweit kein Geld. Der Branchenverband GDV hat kürzlich errechnet, dass einem Euro Einnahmen Ausgaben von 1,24 Euro gegenüberstehen.

Da hilft es wenig, dass die Zahl der Geschäftskunden, die eine Cyber-Versicherung in Deutschland abschließen, im vergangenen Jahr um rund ein Viertel auf 243.000 gestiegen ist. Gleichzeitig stieg die Zahl der Anfragen um 56 Prozent auf 3.700 – mit steigender Tendenz in diesem Jahr, wie bereits gezeigt.

Auch die Rückversicherer werden vorsichtiger

Die Versicherer versuchen nun, Anpassungen vorzunehmen. Intern bewerten sie die massiv gestiegenen Risiken neu und prüfen alte Verträge auf Anpassungsbedarf. Gleichzeitig versucht die Branche in einem neuen Geschäft, zukünftige Gefahren zu antizipieren – und Rückversicherern, die als Versicherer von Versicherern agieren, mehr Risiken zu geben.

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Aber sie sind auch vorsichtiger geworden. So hält beispielsweise der deutsche Marktführer Munich Re die sogenannten Limits, mit denen die Branche das maximal versicherte Risiko festlegt, klein. Für Firmenkunden bedeutet dies effektiv, dass sie sich vor weniger Cyber-Risiken schützen können als zuvor.

Während die Risikogrenzen noch vor kurzem bei Schäden von zehn Millionen Euro lagen, sind heute fünf Millionen Euro die Regel. Kommt es dann zu darüber hinausgehenden Einzelschäden durch Hackerangriffe, bekommen die Unternehmen vom Versicherer nur einen Teil des Schadens erstattet.

Selbstbehalte steigen deutlich

Allerdings werden auch diese Summen meist nicht vollständig ausgezahlt. Denn ein anderes Mittel, das derzeit oft zum Einsatz kommt, ist die deutliche Erhöhung der Selbstbeteiligung, bei der ein Teil der Kosten im Schadensfall vom Auftraggeber selbst getragen werden muss. Gerade kleinere Cyberschäden, die immer noch die Mehrheit darstellen, müssen zunehmend von Firmenkunden ganz oder überwiegend selbst bezahlt werden. Gleichzeitig werden immer mehr große Schadensursachen von den Versicherungsbedingungen ausgeschlossen.

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Ein Paradebeispiel sind derzeit die Schäden durch sogenannte Ransomware, also die Erpressung von Lösegeldern durch illegal eindringende, nicht mehr sehr sichere Systeme. Laut allen Census-Umfragen werden auch die Kosten für die Datenwiederherstellung immer weniger von den Policen abgedeckt.

Mit zunehmender Bedrohungslage akzeptieren viele Kunden mittlerweile aber deutlich höhere Prämien, wenn auch ungern. Denn Fälle wie der von Conti zeigen, dass der Schaden schnell Millionen Euro erreichen kann.

Art Gilliland, CEO des Sicherheitsdienstleisters Delinea, sieht in der Cyberversicherung eine gute Möglichkeit, die Kosten einer potenziellen Sicherheitsverletzung zu reduzieren. “Infolgedessen haben die meisten Unternehmen jetzt Schwierigkeiten, eine Police zu kaufen oder zu erneuern”, stellt er fest.

Das sind schließlich gute Nachrichten für die Versicherer. Laut Delinea-Umfrage haben mittlerweile 93 Prozent der IT-Verantwortlichen in Unternehmen von ihren Vorgesetzten das notwendige Budget für eine Cyber-Policy erhalten.

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