So steht es um die Windenergie in Deutschland

Berlin/Frankfurt/Hannover. Deutschland steckt in der schlimmsten Energiekrise seit Jahrzehnten. Als Vergeltung für Sanktionen wegen der Invasion in der Ukraine hat Russland die Gaslieferungen nach Westeuropa eingestellt. Dies hat die Gas- und Strompreise in nie dagewesene Höhen getrieben, was die Verbraucher – trotz Preisabbrüchen – schmerzlich zu spüren bekamen.

Die Bundesregierung hat sich beeilt, ein Terminal für verflüssigtes Erdgas zu errichten, um die Versorgung mit diesem lebenswichtigen Brennstoff sicherzustellen. Und damit hierzulande die Lichter brennen, wurden die Betriebszeiten der Atomkraftwerke verlängert und die Kohlekraftwerke wieder hochgefahren.

Aber Deutschland will eigentlich etwas ganz anderes: spätestens 2045 klimaneutral werden. Dies wird nur gelingen, wenn die Kapazitäten zur Erzeugung von Ökostrom massiv ausgebaut werden. Und die mit Abstand wichtigste Säule der Energiewende ist die Windkraft.

Das ist der RND Energiewende Monitor

Was ist mit der Energiewende? Welche Regionen Deutschlands sind beim Ausbau erneuerbarer Energien besonders erfolgreich? Und wo ist das Problem? Mit dem RND Energiewende Monitor wollen wir genauer hinschauen – bis auf die Ebene der Quartiere. Und wir wollen die Gründe für die großen regionalen Unterschiede bei der Transformation des Energiesystems wissen. Wo werden die Ziele erreicht und wo liegt das ungenutzte Potenzial? Und wir suchen Antworten auf die Frage, wie wir den dringend notwendigen Ausbau beschleunigen können. Der Energy Transition Monitor wird ständig erweitert. Gleichzeitig soll der Fokus auf spannenden Neuentwicklungen im Bereich Erneuerbare Energien liegen. Windkraft ist die erste an Land. Mit unserem Monitor stehen die Expansionsdaten von Pawan nun erstmals einer breiteren Leserschaft auf Bezirksebene transparent zur Verfügung. Es folgen Themen aus Photovoltaik, Bioenergie, Wasserkraft und Elektromobilität.

Nach aktuellen Berechnungen des Branchenverbands BDEW 2022 machen moderne Landmühlen gut ein Sechstel der heimischen Stromerzeugung aus. Obwohl dies eine beträchtliche Menge ist, muss noch viel mehr getan werden. Allein bis 2030 müssen sechs Windkraftanlagen mit einer Leistung von jeweils rund 4 Megawatt pro Tag errichtet werden.

Zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft – ein ehrgeiziges Ziel

Laut Bundesregierung soll die installierte Leistung bis 2045 nicht unter das Dreifache steigen. Das Ziel ist ehrgeizig, zumal Deutschland im vergangenen Jahr nur rund zwei Gigawatt an Anlagen zugebaut hat. In den Plänen der Bundesregierung waren drei Gigawatt (3.000 Megawatt) als Ziel gesetzt worden.

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Die aktuelle Fassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sieht jedoch eine installierte Gesamtleistung von 69 Gigawatt im Jahr 2024 vor, was einem Gesamtzuwachs von rund 13 Gigawatt für die Jahre 2022, 2023 und 2024 entspricht.

Das verheißt nichts Gutes für die kommenden Jahre, in denen der Ausbau deutlich Fahrt aufnehmen muss: Nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Energiewende sollen es jährlich 5,4 Gigawatt und 2024 sein, weitere 7,5 Gigawatt zwischen 2025 und 2028 und sogar acht Gigawatt pro Jahr in den Jahren 2029 und 2030.

Nach Jahren der Stagnation hat sich die Bundesregierung ein sogenanntes Zwei-Prozent-Ziel gesetzt, um die Windenergie an Land wieder auszubauen. Die Länder sind verpflichtet, bis 2032 durchschnittlich zwei Prozent ihrer Landfläche für Windenergie zu reservieren (dies sind 1,8 bis 2,2 Prozent und 0,5 Prozent in Stadtstaaten).

Der Norden dominiert in Sachen Windkraft – doch es gibt Überraschungen

Betrachtet man die Regionen, verwundert es nicht, dass die Vorreiter in Sachen Windausbau im Norden liegen – genauer gesagt in Ostfriesland (siehe Deutschlandkarte). Hinzu kommen die kreisfreie Stadt Wilhelmshaven und die Westküste Schleswig-Holsteins sowie die Städte Flensburg und Bremerhaven.

Letzteres bringt Bremen als Stadtstaat an die Spitze des Landesrankings. Ein wichtiger Faktor ist natürlich mehr Wind im Norden. Dies allein erklärt jedoch nicht die großen Unterschiede im Windkraftausbau und das deutliche Nord-Süd-Gefälle.

Denn es gibt Überraschungen: Nämlich der Kreis Paderborn in Nordrhein-Westfalen sowie die Kreise Rhein-Hansrock und Alge-Warms, die beide in Rheinland-Pfalz liegen. Es ist anzunehmen, dass hier die Genehmigungspraxis der Landesämter und Kommunen eine Rolle spielt.

Daten und Methodik

Die Daten für die Windenergieberechnungen stammen aus dem Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur. Jede Windkraftanlage ist dort installiert. Daraus errechnete das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) den Saldo von neu errichteten und abgeschafften Systemen für Kreise und kreisfreie Städte. Zur Berechnung der 2-Prozent-Fläche wurden Zahlen des Statistischen Bundesamtes herangezogen. Jeder Quadratkilometer davon soll etwa 23 Megawatt Strom produzieren, angetrieben von Windturbinen, und damit das regionale 2-Prozent-Ziel setzen. Der Bruchteil der tatsächlich installierten Leistung an diesem Ausbauziel ergibt einen Vergleichswert des Ausbaufortschritts der Windenergie. Allerdings gilt das 2-Prozent-Ziel für Deutschland insgesamt. Vor- und nachgelagert haben die Bundesländer leicht unterschiedliche Ziele. Um den Ausbau überregional vergleichen zu können, wurde ein bundesweiter Zielwert für alle erstellt. Natürlich ist es nicht das Ziel, für jede Region genau 2 Prozent der Fläche mit Windrädern zu bebauen, denn in dicht besiedelten Gebieten ist es schwieriger, geeignete Flächen dafür zu finden als in weniger besiedelten Gebieten. Für die Windenergie wurde ein Ziel von 2 Prozent der gesamten Landfläche des Landes festgelegt.

Schwarze Schafe: Mehr als ein Dutzend Landkreise ohne Windkraftanlagen

Knapp 100 kreisfreie Städte und ein Viertel der kreisfreien Städte sowie mehr als ein Dutzend der etwa 300 Landkreise haben keine einzige Windkraftanlage in Betrieb, während große Kreise das Zwei-Prozent-Ziel der Bundesregierung überschritten haben. Im Gegensatz zu kreisfreien Städten ohne Windenergieanlagen, die relativ gleichmäßig über Deutschland verteilt sind, liegen Landkreise vor allem in den südlichen Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern und Hessen.

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Dazwischen gibt es einen breiten Mittelweg, der teilweise noch Ziele erreichen kann. Eine Vielzahl anderer Kreise hinkt bereits weit hinterher und kann mit genügend Aufwand nur noch zwei Prozent erreichen.

Starke Unterschiede fallen zum Teil zwischen benachbarten Landkreisen auf, wo sie zu verschiedenen Bundesländern gehören, aber auch innerhalb der Grenzen der jeweiligen Bundesländer. Besonders auffällig ist der Kontrast zwischen dem Kreis Hochsauerland mit einer Abschlussquote von 14,4 Prozent und dem nordrhein-westfälischen Spitzenreiter Paderborn mit knapp 180 Prozent. Gleiches gilt für den Rhein-Lahn-Kreis (3,1 Prozent) und den Kreis Mayen-Koblenz (15,6 Prozent), verglichen mit dem südlichen bzw. westlichen Rhein-Hunsrück-Kreis mit 157 Prozent.

Auch der bayerische Spitzenreiter (Hoff mit 57,2 Prozent) und das zweitplatzierte Baden-Württemberg (Main-Tauber-Kreis, 46,6 Prozent) sind umgeben von Landkreisen mit deutlich geringeren Windenergiebeiträgen: Kronach mit 9,2 und Hohenlohe mit 13 Prozent. Krass ist auch der Vergleich zwischen der Nummer eins in Baden-Württemberg, dem Landkreis Hedenheim mit 48,9 Prozent und dem unmittelbar benachbarten Landkreis Dillingen in Bayern, der nur auf 6,8 Prozent, also etwa ein Siebtel dieses Wertes, kommt.

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Natürlich ist nicht zu erwarten, dass alle Landkreise das Zwei-Prozent-Ziel erreichen können. Allerdings sind es die extremen Unterschiede, die befürchten lassen, dass das Gesamtziel durch große Lücken in einzelnen Ländern verfehlt wird. Es ist davon auszugehen, dass auch Landkreise mit sehr wenigen Windkraftanlagen günstige Standorte haben und aufgrund politischer Restriktionen nicht genutzt werden können. Das wird deutlich, wenn man sich den Windsektorrechner der Ideenschmiede Agora Energiewende ansieht.

Es ist nicht nur der Platzmangel, es ist der Preis

Es fehlt nicht nur an Flächen, sondern auch an Investoren, die bereit sind, den Ausbau der Onshore-Windenergie voranzutreiben. Bei den bisherigen Ausschreibungen zum Ausbau der Windenergie durch die Bundesnetzagentur (BnetzA) kam es immer wieder zu „Zuschreibungen“: Es wurden zu wenige Gebote abgegeben, um die zusätzlich angebotenen Windenergiekapazitäten abzudecken. Das bedeutet auch, dass bereits genehmigte Projekte nicht an der Ausschreibung teilnehmen.

Die Ursache für diese Katastrophe hängt mit den Ausschreibungsbedingungen der Bundesnetzagentur zusammen: Die Bundesnetzagentur hat die maximale Garantievergütung für jede erzeugte und ins Netz eingespeiste Kilowattstunde auf 5,88 Cent pro Kilowattstunde festgesetzt. Angesichts der steigenden Kosten für den Bau von Türmen, Rotoren und Generatoren war das nicht genug.

Inzwischen gibt es eine Reaktion: Die Höchstgebotswerte können nun auf 7,35 Cent pro Kilowattstunde angehoben werden. Bei den diesjährigen Ausschreibungen wurde ein Rekordvolumen von 12,8 Gigawatt ausgeschrieben, um größere Ausbauverzögerungen auszugleichen.

Bemerkenswert ist auch, dass Windparkprojekte mit einer Gesamtleistung von etwa zehn Gigawatt (entspricht etwa acht Kernkraftwerken) geplant und finanziert, aber nicht genehmigt wurden.

Die Bundesregierung hat verschiedene Initiativen zur Förderung des Ausbaus auf den Weg gebracht – viele Bestimmungen des Natur- und Artenschutzes wurden vereinfacht und die „Erlangung des öffentlichen Interesses“ an mehr Windenergie fest verankert. Schritte zur Vereinfachung und Beschleunigung des Genehmigungsverfahrens für Windparks sind jedoch noch offen. Es sollte nun nach dem ersten Trimester eingereicht werden.

Ein außergewöhnliches Windjahr: 2022 reduzierte auch die Windleistung

Wie wichtig der schnelle Ausbau ist, zeigt die Statistik der Energieproduktion moderner Windmühlen. 2022 war ein außergewöhnlich windiges Jahr, da es im Sommer eine lange Pause gab. Nach Berechnungen des BDEW bedeutet dies, dass die Gesamtproduktion der Windenergie an Land mit etwa 100 Milliarden Kilowattstunden über dem Wert von 2021 (90,6 Milliarden kWh), aber gleichzeitig deutlich unter den 105 Milliarden kWh lag. Schon 2020 zusammenkommen. Das bittersüße ist die aktuelle Energiekrise: Windernten sind natürlich stark wetterabhängig, und 2020 war ein Jahr mit überdurchschnittlichem Wind. Doch beim schnellen Ausbau mit deutlich mehr Anlagen wurden 105 Milliarden Kilowattstunden überschritten.

Was braucht es jetzt?

Letztlich zeigt sich, dass scheinbare regionale Unterschiede weniger sachliche Gründe haben als politische Präferenzen auf lokaler Ebene. Ist dies der Fall, wird die Energiewende nicht erreicht.

Neben der täglich klarer werdenden Klimaproblematik geht es nun auch um die Sicherheit der Strom- und Energieversorgung, Freiheit und Preiswürdigkeit. Angesichts des Ausmaßes der Herausforderungen ist Zufälligkeit nicht länger tolerierbar. Eine strengere Steuerung der Energiewende auf Bundesebene könnte helfen. Jede nicht genehmigte oder verspätete Windenergieanlage, jeder Hektar verlorener Entwicklungsfläche muss überwacht werden.

Besonders windkritische Bereiche sind in erster Linie selbstschädigend. In jüngerer Zeit bauen große Industrieansiedlungen die Windkraft aus, mit Tesla in Brandenburg, Northvolt in Schleswig-Holstein und Intel in Schleswig-Holstein. Inzwischen scheint aber der Süden aufzuwachen, denn die Wirtschaftsverbände fordern vor allem den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Diese zeigt erste Erfolge, wie etwa die Lockerung der 10-Stunden-Regelung in Bayern, wonach der Mindestabstand zwischen einer Windenergieanlage und dem nächsten Wohngebäude das Zehnfache ihrer Höhe betragen muss. Einer der größten Windparks Deutschlands will nun das „Chemiedreieck“ in Ostbayern versorgen. Aber das allein wird nicht reichen.

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