Musikvideo: Finch, Marteria, Silbermond – Die Wendekinder vom Datzeberg

Jetzt macht Marteria also auch Hits. Der Rapper aus Rostock (Jahrgang 1982) nahm gemeinsam mit Finch (1990), dem „Ostdeutschen David Hasselhoff“ aus Frankfurt an der Oder und der Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß (1984) aus Bautzen einen Song über ihre Generation auf. „Wendekind“ richtet sich an all jene Menschen, die zwar noch in der DDR geboren, aber im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen sind. An diesem Freitag, eine Woche vor dem Mauerfall, veröffentlichten sie einen Song, und heimlicher Star im dazugehörigen Video ist die Stadt Neubrandenburg.

Sie haben kein Video zum Ansehen? Hier ist ein direkter Link zum Video auf YouTube.

Denn die meisten Szenen wurden hier gedreht und es könnte wirklich keinen besseren Ort geben. Wo sonst findet man so schöne Plattenbauten? Und vor allem so viel! Eine Drohne schwirrt in herrlichster Herbstdüsternis über Datzeberger Wohnblocks, Marteria sitzt mittendrin auf einem Fußballfeld und rappt Zeilen wie: „Ja, wir sind Kinder der Wende, geborene Krieger, kein Glaube an Gott, glaubt only in tequila.“ Perspektivlosigkeit, Wut, Frust, Drogen und „alle bewegen sich“ sind die Themen dieses Songs. Finch: „Keine Wärme vom Vater, nur ein Kater von der Sternburg.“

Auch Lesen :  Klimaaktivistin: Thunberg fordert Überwindung des „unterdrückerischen“ und „rassistischen“ Systems des Westens

„Lemminge, die vom letzten vergessenen Ort fielen, aber aus den Trümmern aufstiegen“, erinnert sich Stefanie Kloß im Refrain und wird in der Abendsonne über den denkmalgeschützten Wohnblocks an der Neustrelitzer Straße gleich optimistischer: „Wir leben hier in Paradies, du siehst hier etwas, was du nicht siehst.” Das Lied will diese Botschaft vermitteln: Wir gehören alle zusammen und schätzen unsere Heimat. Dazu gesellt sich ein Beat, der ein wenig an „Rhythm Is A Dancer“ erinnert und dem Song die richtige Dosis 90er-Vibes verleiht. Vor allem im Refrain wird es ziemlich kitschig, fast schon zu aufgesetzt, aber total in Ordnung! Auch wenn der Song wegen des Textes und des Titels sicher beliebter sein dürfte als wegen der austauschbaren Melodie.

Bereits 2016 brachte Silbermond mit „B96“ einen ähnlichen Song nach Hause. Der Song handelt von der berühmten Bundesstraße quer durch den Osten und der Heimkehr nach langer Abwesenheit. Die Leser des Homesick Newsletter wählten dieses Lied zum Song mit dem meisten Heimweh.

2022 – Gedenkjahr

Jugendliche in der DDR, Reality-Shows im 33. Jahr nach dem Mauerfall – die Behandlung dieser Themen ist 2022 bereits in mehrere Songs eingegangen. Bereits im März stritten sich Marteria- und Tote-Hosen-Sänger Campino mit „Scheiß Ossi“ und „ Scheiß Wessi“ (und schließlich küssten sie sich). „Der Osten erobert die Welt“, erklärt Marteria und erinnert an die Erfolge von Rammstein, Prince, Tokio Hotel oder Kraftklub. Im Juli veröffentlichten die beiden letzteren den Song „Fahr mit mir (4×4)“, in dem sie in einem Lada Niva durch die ostdeutschen Landschaften cruisen: „Spargelfelder ziehen vorbei, wenn ich gehe, komme ich nicht wieder.“

Auch Lesen :  Danger Dan im Berliner Admiralspalast: Das Konzert des Jahres

Kraftklub aus Chemnitz hingegen erklären uns auf ihrem neuen Album „Kargo“: „Wittenberg ist nicht Paris“. Das Lied spricht auch von den zahlreichen großen und kleinen Unterschieden, in denen junge Menschen im Osten im Vergleich zu ihren Altersgenossen aus dem Westen aufwachsen: „Nicht alles ist schlecht, aber viel schlimmer als anderswo“. Es geht ums Wegziehen, um die Integration in die neue westdeutsche Metropolwelt und um manche Tür, die immer offen bleiben wird.

Die Verarbeitung beginnt

Eine ähnliche Haltung vertrat Anfang des Jahres Hendrik Bolz, der als Rapper „Testo“ zum Duo „Zuzug Masculine“ gehört. Sein Buch „Zero Years“ spricht vom „Aufwachsen in Blumenlandschaften“, was für ihn konkret bedeutete: die Plattenbausiedlung Knieper-West in Stralsund. Darin beschreibt er, wie alle um ihn herum mit den Folgen des Mauerfalls zu kämpfen hatten, vor allem mit Massenarbeitslosigkeit, und als junger Mann immer versuchte, härter, rauer, durchgeknallter zu sein als alle anderen. Erst Jahre später und nach erfolgreicher „Flucht“ nach West-Berlin gelang es ihm, diese Zeit zu verarbeiten.

Auch Lesen :  eat.READ.sleep.: So halfen die Hosts im Buchladen aus | NDR.de - Kultur - Sendungen

Sein Umfeld habe ihn so gemacht, dennoch übernehme er die volle Verantwortung für sein Verhalten, schreibt Bolz am Ende seines Buches. Sie seien „geborene Krieger“, wie Marteria jetzt auf Datzeberg rappt. 2022 scheint das Jahr der Erinnerung und Auseinandersetzung mit einer ganzen Generation zu sein.

Bereits im Sommer spielte Ossirapper Finch vor 5.000 Menschen auf dem Markt in Neubrandenburg, und das Publikum schwenkte überraschend viele DDR-Fahnen. Leider zu oberflächlich, aber so geht Nostalgie. Am 26. November wird Finch für eine Clubshow im Coliseum wieder in der Stadt sein. Vielleicht sind auch wieder ein paar Kinder aus Wende im Publikum? Oder direkt auf der Bühne?

Source

Leave a Reply

Your email address will not be published.

In Verbindung stehende Artikel

Back to top button