Bestseller-Verfilmung „Acht Berge“ im Kino: Heidi lebt hier nicht mehr – Kultur

Freundschaft kann Heimat werden. Die elfjährigen Pietro und Bruno sind ebenso überrascht wie aufgeregt, als sie sich Anfang der 1980er-Jahre im kleinen norditalienischen Bergdorf Grana begegnen. Sie sind beide noch Kinder und daran gewöhnt, Dinge alleine zu machen, wie der erwachsene Pietro rückblickend berichtet: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen Freund wie Bruno finde.“ Zu sehen sind zwei Jungen, die durch sommerliche Almwiesen wandern und jubelnd in einen klaren Bergsee springen. Bruno weiter, weil er hier wohnt. Doch fortan verbringt Großstadtkind Pietro die Sommerferien mit ihm in den Bergen. Die Zeit dazwischen verschwimmt, denn die Jungs sind unzertrennlich.

Die Intimität dieser Freundschaft braucht wenige Worte, zumindest in diesen sonnigen Monaten, die die Kinder zusammen verbringen. Literarisch wirken Pietros spätere Erzählungen in ihrer spärlichen Poesie, die einem Roman entstammen: Der belgische Regisseur Felix Van Groeningen adaptiert Paolo Cognettis autobiografisch inspirierten Coming-of-Age-Roman “Acht Berge”, der 2016 in seiner Heimat Italien erschien und ein internationaler Bestseller. Van Groeningen arbeitet erstmals auch hinter der Kamera mit der Schauspielerin Charlotte Vandermeersch. Die beiden gewannen den Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes im vergangenen Jahr.

Belgier filmen eine italienische Bergromanze – das klingt zunächst nach einer fast zufälligen Konstellation. “Eight Mountains” findet jedoch eine brillante Bildsprache für den Roman, ohne zu wörtlich und damit flach zu werden. Er ist unbeschwerter als Van Groeningens bisherige Filme wie „Broken Circle Beakdown“ (2012) oder das Drogendrama „Beautiful Boy“ (2018). Sie klammerten sich noch mehr an ihre literarischen Quellen und drohten an den von ihnen erzählten Gesellschaftsdramen zu ersticken. Dabei ist für Van Groeningen und Vandermeersch die Handlung nur der Anker, an den sie mehrere Erzählebenen knüpfen. Es ist wahr, dass Kinder zu Männern heranwachsen und Freundschaften Zeiten der Funkstille überdauern. Gleichzeitig spielen aber auch überdimensionale Vaterfiguren eine Rolle, ebenso wie Klimawandel und Globalisierung, die sich auf die Arbeit der Bergbauern auswirken.

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„Ich bin das letzte Kind im Dorf“, sagt der elfjährige Pietro

Mit diesen Rändern spiegelt „Eight Mountains“ ein Dilemma nicht nur in den norditalienischen Alpen wider: Städter wie Pietros Familie verherrlichen das Bergleben als linke Utopie eines Lebens im Einklang mit der Natur. Bruno hingegen erlebt die Landflucht hautnah mit: „Ich bin das letzte Kind im Dorf“, sagt er zu Pietros Mutter beim ersten Kennenlernen. Auch ihm ist klar, dass es keine Kinder mehr geben wird, denn mit ihm sind nur noch 14 Bewohner übrig. Die Schule ist schon lange geschlossen, die Bildungsmöglichkeiten hier sind gleich null. Sein Vater ist Maurer in der Stadt, sein Onkel kann kaum auf einer kleinen Alm leben.

Beide sind erwachsen geworden, als Pietro Freunde aus Turin mitbringt, die von einem Leben in Verlassenheit träumen. Bruno spottet offen darüber, dass die romantische Vorstellung vom Bergleben nur so lange Bestand hat, bis es regnet oder der Winter einsetzt. Van Groeningens langjähriger Kameramann Ruben Impens korrigiert die transformierten Postkartenpanoramen auch visuell, indem er den Film in einem fast quadratischen Format fotografiert. Es gibt fast keinen Bergrücken oder Gletscher, der sich richtig in seine Bildausschnitte einfügen möchte. Einheimische wie Brunos Onkel haben einfach keine Zeit, ihren Blick zu erweitern oder sogar einige der Gipfel zum Spaß zu erklimmen.

Die Trennung zwischen Pietro und seinem Vater wirkt sich auch auf seine Freundschaft mit Bruno aus. Zwanzig Jahre würden vergehen, bis Pietro nach Grana zurückkehrte. Er wird Dokumentarfilmer und Schriftsteller, aber egal wo auf der Welt er sich aufhält, die Berge ziehen ihn immer an. Im Himalaya hört er einen Mythos über den Weltberg Meru. Umgeben von acht Bergen und Meeren gilt es als Zentrum des Universums. “Ich bin derjenige, der auf dem Berg Meru lebt”, sagt Bruno, als Pietro ihm später die Geschichte erzählt, “du hast acht Berge bereist.” Ob einer der beiden eine bessere Entscheidung getroffen hat, können sie nicht sagen. Zweifel wie diese hallen durch ihre Freundschaft.

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Alessandro Borghi und Luca Marinelli spielen Bruno und Pietro mit Inbrunst und zur richtigen Zeit mit Schüchternheit als Erwachsene. So kann ich beiden Charakteren Raum für Ambivalenz und innere Zerrissenheit lassen. Auch wenn sie nicht wissen, ob sie das falsche Leben gewählt haben, erdet sie ihre Freundschaft im Zweifel wortlos. Nach zwei Jahrzehnten Funkstille stehen sich die beiden in einem Bergdorf gegenüber und sehen sich unsicher an. „Schöner Bart“, Bruno nickte schließlich. „Deine ist schöner“, sagt Pietro.

Lo otto Montagne, Belgien, F, IT, 2023 – Regie und Drehbuch von Felix Van Groeningen und Charlotte Vandermeersch nach dem Roman von Paolo Cognetti. Kamera: Ruben Impens. Musik: Daniel Norgren. Mit Luca Marinelli, Alessandro Borghi. DCM, 147 Minuten. Kinostart: 01.12.2023.

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